Das Nahen der Barbaren

Abwechselnd mit der Vorstellung, gestern wieder zu viel geraucht zu haben und bald Lungenkrebs zu bekommen, beschäftigte mich die Idee zu einer unheimlichen Geschichte, deren Held an einem Frühnachmittag wie diesem in einem ähnlichen Spiegelhaus sich selbst so oft zwischen zwei Spiegelwänden erschiene, dass ihm seine Realität zweifelhaft werden und schließlich abhanden kommen würde und verschwommener werdend, für immer in ihnen verschwände.
Niemand hätte ihn das Gebäude verlassen sehen, am wenigsten der mit dem Schlaf und der Schwerkraft kämpfende Portier an der Empfangstheke aus poliertem Granit.
Nur manchmal, an bestimmten , zugleich sonnigen und windigen Herbsttagen, aus einem bestimmten Winkel von einer bestimmten Stelle des Gebäudes ausgesehen, würde sein Spiegelbild einem Besucher für einen Moment erscheinen, gedankenvoll auf den obersten Stufen des Interieurs sitzend, um sich nach dieser Erscheinung schnell wieder in die Unendlichkeit aufzulösen.

In diesem Stadium meiner Träumerei und Zerstreuung erreichte mich, wie von außen her, das Gefühl der Nähe der Barbaren. Es war einem schwachen Geruch vergleichbar, der mit sehr feinen Krallen bis in eine innere Gegend des Körpers hineingriff (wie wenn das Parfüm einer Frau, die einen bewegt, an der Hand unter viel stärkeren anderen Gerüchen wie begraben gelegen hat und unverhofft hervortritt, wenn man ein Glas zum Mund führt oder sich geistesabwesend über das Gesicht streicht). Viele, dachte ich, würden sterben.
Die Flughafeninterieurs würden sich zu unterirdischen Bunkern zusammenziehen, in denen die Angestelltenwelt zum nackten Terror verdichtet wäre. Aber jenseits der stärker als jemals befestigten Grenzen der Normalität würde sich dann eine Außenwelt erstrecken. Viele würden sterben. Vor den spiegelnden Glaswänden lag ein windiger Tag.

*

Seit diesem Erlebnis sitze ich in meiner Mittagspause gern für die Dauer einer Tasse Kaffee in einem kleinen Restaurant in jenem Teil des "Sogetsu Kaikan" zwischen dem an der Decke auf dem Kopf stehenden Park und dem Felsinterieur im Innern. Die ganze Welt liegt hinter Glas. Vielleicht sind die Katastrophenängste des Westens eine Sehnsucht nach Wirklichkeit. Vielleicht ist der Untergang der einzige Gott, der übriggeblieben ist; denn erst mit den Barbaren werden wir keine Geschäfte machen, wir werden ihnen nichts verkaufen können, nicht einmal sprechen werden wir mit ihnen können. Kein Trick wird funktionieren. Die Barbaren werden keine Angst vor uns haben, weil sie uns nicht verstehen. Sie werden keinen Abstand von uns halten, weil sie uns nicht bewundern. Es wird eine Grenze geben, die wir nicht überschreiten können und hinter der wenigstens nicht wir sind.

Wenn die Barbaren lang und dringend genug erwartet worden sind, denke ich in der Mittagspause, verwandelt sich alles in ein Vorzeichen ihrer Ankunft. Der Historikerprophet glaubt dann, nur noch aufschreiben zu müssen, was er sieht:
"Man sah eine junge Kuh mit durchschnittener Luftröhre leblos daliegen, deren Tod öffentliche Begräbnisfeiern vorauskündete, die im ganzen Volk bald das Normale sein würden" (wieder im Bus, Buch XXXI, "Über die Omina des Todes von Valens Augustus und der bevorstehenden Eroberung durch die Goten"). Nichts empfiehlt den Inhalt solcher Sätze, mit denen das Geschichtswerk des Ammianus übersät ist, der Vernunft; aber der poetische Sinn kann sie nicht vergessen und in meinem Kopf leuchten sie weiter, wenn das Buch zugeklappt in meiner Ledertasche liegt, neben der Edelstahlbox für die belegten Brote (Valens Augustus ist dann schon tot, und die Goten strömen endlos, unaufhaltsam, über die Grenze). Auch wenn die Erzählungen über die Barbaren nicht wahr sind, könnten sie helfen, eine Wahrheit zu finden.


- Aus Stephan Wackwitz, Tokyo

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